KOLUMBIEN: "Dieser Rost wird euch anklagen“

CPTnet

2. Dezember 2009

Eine Analyse der Situation in Kolumbien: „Dieser Rost wird euch anklagen“.

Pierre Shantz

Und nun zu euch, ihr Reichen! Weint und jammert über das Elend, das euch erwartet am Tag, an dem Gott Gericht hält! Eure Reichtümer werden dann verfault sein, eure Kleider von den Motten zerfressen, und eure Schätze verrostet. Und dieser Rost wird euch anklagen und euer Fleisch wie Feuer verzehren.

Ihr habt in den letzten Tagen der Welt Reichtum anghäuft. Ihr habt den Leuten, die auf euren Feldern gearbeitet und eure Ernte eingebracht haben, den verdienten Lohn vorenthalten. Das schreit zum Himmel! Ihre Klage ist bis zu den Ohren des Herrn, des Herrschers der Welt, gedrungen.

Euer Leben auf der Erde war mit Luxus und Vergnügen angefüllt. Während der Schlachttag schon vor der Tür stand, habt ihr euch noch gemästet. Ihr habt den Schuldlosen verurteilt und umgebracht, der sich nicht gegen euch gewehrt hat!

Jakobus 5: 1-6

In den vergangenen Wochen erschienen in der durch ihren Enthüllungsjournalismus bekannten kolumbianischen Zeitschrift „Cambio“ Berichte darüber, dass die kolumbianische Regierung reiche Bürger finanziell unterstützt, während arme Kolumbianer auch noch ihren geringen Besitz verlieren. Die Zeitschrift berichtete, dass einige der reichsten Familien Kolumbiens Millionen Dollar erhielten, um damit deren Investionen in die Landwirtschaft zu fördern. Es wurde auch darüber informiert, dass diese Familien zuvor große Geldsummen für den Präsidentschaftswahlkampf von Präsident Uribe sowie für den des ehemaligen Landwirtschaftsministers Andres Felipe Arias 2010 gespendet hatten. Herr Arias war für die Genehmigung der erwähnten Subventionen zuständig.

Zuerst rechtfertigten Präsident Uribe und seine Minister diese Subventionen. Als all dies bekannt wurde, brachten Kolumbianer ihre Bestürzung darüber zum Ausdruck, dass wohlhabende Familien auch weiterhin Gelder von der Regierung erhielten. Gleichzeitig schoben Mitglieder der Regierung Uribe die Schuld auf andere, anstatt selbst Verantwortung dafür zu übernehmen. (Uribe, der nächstes Jahr wieder für die Präsidentschaft kandidieren möchte, sagte sogar, dass in einigen Fällen die Unterstützung zurückbezahlt werden soll.)

Was hat dies mit der Arbeit von CPT in Kolumbien zu tun? CPT ist Teil einer Gruppe von kolumbianischen und internationalen Organisationen, die mit 123 Familien in Las Pavas, einer Kleinstadt in der Provinz Süd-Bolivar, arbeiten. Diese Familien wurden vom Daabon Konzern von ihrem Land vertrieben. Daabon gehört der Familie Davila Abondano, die 2,2 Milliarden Pesos (etwas mehr als 1 Million US Dollar) aus dem erwähnten Subventionsprogramm erhielt. Angeblich bringt Daabon jährlich 120 Millionen Dollar aus der Produktion und dem Export von Gütern wie Bananen, Kaffee, Kakao und Palmöl ein. Sie behaupten, dass sie eine soziale und umweltbewußte Firma seien, da sie organische Produkte anbauten und soziale Dienste für die Orte in ihrer Umgebung bereitstellten.

Die Familien von Las Pavas wurden schon viele Male gewaltsam vertrieben, zuerst von bewaffneten Gruppen und nun von einem großen Unternehmen. 2006 bewarb sich der Ort um ein Darlehen der Staatlichen Landwirtschaftlichen Bank von 234 Millionen Pesos (117 000 US Dollar), um Kakao anzupflanzen, und begannen mit dem kolumbianischen Nationalen Institut für ländliche Entwicklung (INCODER) zu verhandeln, um Eigentumsrechte zu erhalten. Aber am Ende des Jahres kam Jesus Emilio Escobar, der vormalige Besitzer, der zwischenzeitlich aus der Gegend weggezogen war und alle Eigentumsrechte verloren hatte, mit paramilitärischen Truppen zurück und zwang die Menschen in eine Stadt in der Nähe von Buenos Aires zu fliehen. Danach schloss die Firma Daabon mit Herrn Escobar einen Vertrag über das Land ab. Daabon behauptet den Vertrag in gutem Glauben abgeschlossen zu haben, und dass sie nicht wussten, dass eine kleine Gruppe von Bauernfamilien einen berechtigten Anspruch auf das Land hatte. (Der kolumbianischen Verfassung zufolge haben Menschen, die mindestens fünf Jahre lang auf einem Landstück leben und es bearbeiten, das Recht die Eigentumsrechte für dieses Land zu erhalten.) Im Januar 2009 beschlossen die Familien auf ihr Land zurückzukehren, im Vertrauen darauf, dass die Verhandlungen mit INCODER die Eigentumsrechte betreffend erfolgreich sein würden. Daabon ging nun vor Gericht, um einen Räumungsbefehl gegen sie zu erlangen. Am 14. Juli zwang Daabon mit Hilfe des Militärs, der Bereitschaftspolizei und bewaffneter Zivilisten die 123 Familien, Las Pavas zu räumen. Den Familien steht nun ein Rechtsstreit bevor, damit sie ihr Recht auf das Land anerkannt bekommen.

Daabon verkauft Palmöl an den Kosmetikriesen The Body Shop für die Herstellung von Kosmetikartikeln wie Seife und Lotionen. The Body Shop wie auch Daabon behaupten, dass sie sich zur Einhaltung von sozialen und Umweltrichtlinien verpflichteten. In den meisten Reaktionen von The Body Shop und Daabon die Situation in Las Pavas betreffend versuchen diese, ihr Handeln gegenüber dem CPT Team in Kolumbien zu rechtfertigen.

Diese Streitigkeiten um Land sind kein Einzelfall in Kolumbien. 1 % der Bevölkerung besitzt mehr als 50 % des landwirtschaftlich nutzbaren Landes. In einer Zeit, in der Kolumbien der größte Palmölproduzent des amerikanischen Doppelkontinents werden möchte, finden wohlhabendere Familien wie die Davila Abondanoes Mittel und Wege, um staatliche Subventionen zu erhalten und dann ihrerseits Kleinbauern zu vertreiben, ihre „Geldsäcke“ zu füllen und, wie Jakobus schreibt, ein Leben in „Luxus und Vergnügen“ zu führen.

Tadeo Martinez stellt in einem Artikel, den die kolumbianische Zeitschrift „Semana“ am 10. Oktober 2009 veröffentlichte, eine wichtige Frage:

„Die Regierung muss offen sagen, welche Art von Staat sie möchte: einen, in dem die Reichen ... mühelos an staatliche Gelder kommen (zu welchen die Armen durch die Umsatzsteuer viel beigetragen haben), in dem diese aber nur wenige Arbeitsplätze schaffen, gleichzeitig jedoch eine Menge exportieren. Oder einen Staat mit Kleinbauern und solchen mit mittelgroßen Betrieben, die die ganze staatliche Unterstützung erhalten, gleichzeitig in einer arbeitsintensiveren Art und Weise arbeiten und dadurch viel mehr Arbeitsplätze schaffen würden.“

Ich möchte hinzufügen, dass sich nicht nur die kolumbianische Regierung diese Frage stellen muss, sondern auch wir, die wir aus in der nördlichen Hemisphäre gelegenen Ländern kommen. Es ist an der Zeit, die Warnungen des Jakobus ernst zu nehmen. Wollen wir fair gehandelte Waren kaufen, durch die Kleinbauern unterstützt und die Umwelt geschont werden sollen? Oder sind wir damit zufrieden, wenn wir billige Waren kaufen können, die von Großkonzernen importiert wurden, welche alles mit ihrem Betrieb in Zusammenhang Stehende unter dem Gesichtspunkt des finanziellen Zugewinns betrachten, und zwar sowohl die Waren, die sie herstellen, als auch die Menschen, die bei ihnen angestellt sind. Wir können uns nicht einfach zurücklehnen, mit dem Finger auf sie zeigen und denken, dass wir, solange wir keine Bauern von ihrem Land vertreiben, nicht Teil des ausbeuterischen Systems sind. Solange wir diese Waren kaufen, ohne wenigstens etwas Besorgnis zum Ausdruck zu bringen, haben wir nichts anderes getan als Reichtum anzuhäufen. Es ist an der Zeit, unsere Stimme zu erheben und die Geschäftswelt und unsere Regierungen aufzufordern, nicht weiterhin den Reichtum über die Menschen zu stellen. Andernfalls, so ermahnt uns Jakobus, werden „eure Schätze verrosten. Und dieser Rost wird euch anklagen und euer Fleisch wie Feuer verzehren.“

 

Übersetzung: Jürgen Moser, München